Theater WIR

(VHS-Theatergruppe WIR)


 
 
 

Max Frisch
Die chinesische Mauer

12., 17. und 18. Juni 2014
19:30 Uhr

Stadttheater Ratingen

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Ratinger Wochenblatt 5.6.2014
 
Programm
      
Zum Stück

"Kostüme wimmeln, und es riecht nach Mottengift. Es ist als sein sie tot, doch reden sie, und drehen sich im Kreis." Das sagt Romeo angesichts der sonderbaren Partygesellschaft im Hause Hwang Ti. Das beschreibt die Ausgangslage sehr gut, denn eigentlich ist in Max Frischs Farce der Ort der Handlung ganz eindeutig: Das Theater. Romeo und Julia, Napoleon, Christoph Columbus, Don Juan, Emile Zola, Philipp II. und dazu noch eine stattliche chinesische Herrscherzunft zusammenzubringen, das zeugt nicht nur von der Phantasie des Autors, es stellt auch den Kostümfundus vor einige Probleme.

Doch worum geht es eigentlich in diesem Stück, in dieser ironisch-bitteren Farce?

Es geht um den Versuch eines Herrschers, die Gegenwart einzumauern um sich vor der Zukunft zu schützen. Ein Versuch der, wie wir Heutigen wissen, fehlschlagen musste.

Genau dies zeigt Frisch: Er stellt jenen tyrannischen Tsin Sche Hwang Ti, den Mauerbauer, jenen Figuren gegenüber, die die Zukunft bestimmen werden. Die Zukunft, die auch diese Mauer nicht aufhalten kann und die längst ihrerseits Geschichte ist.

Dazu kommt die "Heutige", eine Intellektuelle, Dr. Jur.: Mit ihrem Wissen unserer Zeit bleibt sie dennoch machtlos. Denn Wissen ohne Empathie, ohne Mitleid, bleibt akademisch.

So spielt in Max Frischs durchaus spannender Revolutionsstory eigentlich die Zeit die Hauptrolle. 1978, im Jahr des Deutschen Herbstes, der Terrorangriffe der RAF, der allgegenwärtigen Suche nach Terroristen und Sympathisanten hatte das Stück eine hohe Aktualität, die uns bewog, es seinerzeit zu spielen. Das Bild damals: Die Bühne ist eingemauert, allgegenwärtig steht der Schutzwall, der doch schon durchlässig ist. Am Ende wird die Mauer niedergerissen, öffnet den Blick auf den leeren Bühnenraum, das Universum, das Theater.

Heute, 36 Jahre später und durch die jüngsten Ereignisse der Welt mit neuer, brisanter Aktualität aufgeladen, gehen wir erneut an "Die chinesische Mauer" heran. Der Ausgangspunkt diesmal: Die Party, die Siegesfeier Tsin Sche Wang Tis mit seiner illustren Gästeschar aus zwei Jahrtausenden. Die Szene entführt uns in eine Hotelbar, einen Ort unverbindlicher Begegnung in bewusst zeitlosem Ambiente…

Frischs Inspirationsquelle ist die Literatur: Die historischen Persönlichkeiten begegnen uns in erster Linie in ihrer literarischen Manifestation: So sprechen Romeo und Julia, aber auch Brutus in den bekannten shakespeareschen Versmaßen - bis hin zum direkten Zitat. Pontius Pilatus kommt in der Diktion der Bibel daher, Philipp II. zitiert Schiller und so weiter und so fort.

Doch das gewichtigste Wort, das auf der Bühne gesprochen wird ist - Schweigen. Es sind die ungesagten Worte, die viele Handlungsmomente vorantreiben. Und so ist es auch kein Zufall, dass die wichtigste, weil am meisten bewegende Figur des Stückes ein Stummer ist.

Er wird verdächtigt, den Umsturz vorzubereiten. Er denunziert nicht, er klagt nicht an, er argumentiert nicht - aber er entlarvt gerade dadurch. Und so sind die anderen, allen voran der tyrannische Kaiser, irritiert, reagieren mit Verteidigungen, die - da nie Anklage erhoben wurde - selber zur Anklage werden.
Dass es dann letztlich doch Ungeduld und enttäuschte Liebe sind, die eine gewaltsame Revolution auslösen - eine Revolution, die zwar die Mauer niederreißt, aber schon bald eine neue aufbauen wird - das ist Frischs Pessimismus. Oder sollte man besser sagen: Realismus?

Denn auch der Fall der "berühmtesten" Mauer der Neuzeit im November 1989, einer Mauer die ja irgendwie auch eine Zukunft aufhalten sollte, hat nicht das "Ende der Geschichte" eingeläutet. Das ist die brennende Aktualität, die dem Stück genau im Jahre 2014 zugewachsen ist: Die Gespenster der Vergangenheit sind wieder da und recken ihr Haupt. Es ist geradezu verblüffend, wie genau der Originaltext von 1972 auch 42 Jahre später (wieder) etwas zu sagen hat.

Zitate:

"Glücklich das Land, das keine Helden braucht."
Giovanni Falcone, von der Mafia ermordeter Staatsanwalt
****
"Was ist Wahrheit?"
Pontius Pilatus, Joh. 18,38
****
Marquis Posa: Gehn Sie Europens Königen voran.
Ein Federzug von dieser Hand, und neu
Erschaffen wird die Erde. Geben Sie
Gedankenfreiheit. -
König: Sonderbarer Schwärmer!
Schiller, Don Carlos, 3. Akt, 10. Auftritt
****
"In künftigen Tagen, um deren Sicherheit wir uns bemühen, sehen wir freudig einer Welt entgegen, die gegründet ist auf vier wesentliche Freiheiten des Menschen.
Die erste dieser Freiheiten ist die der Rede und des Ausdrucks - überall auf der Welt.
Die zweite dieser Freiheiten ist die jeder Person, Gott auf ihre Weise zu verehren - überall auf der Welt.
Die dritte dieser Freiheiten ist die Freiheit von Not. Das bedeutet, weltweit gesehen, wirtschaftliche Verständigung, die jeder Nation gesunde Friedensverhältnisse für ihre Einwohner gewährt - überall auf der Welt.
Die vierte Freiheit aber ist die von Furcht. Das bedeutet, weltweit gesehen, eine globale Abrüstung, so gründlich und so lange durchgeführt, bis kein Staat mehr in der Lage ist, seinen Nachbarn mit Waffengewalt anzugreifen - überall auf der Welt."
Franklin Delano Roosevelt, 1941
****
"Don Juan ist ein Intellektueller, wenn auch von gutem Wuchs und ohne alles Brillenhafte. Was ihn unwiderstehlich macht für die Damen von Sevilla, ist durchaus seine Geistigkeit, sein Anspruch auf eine männliche Geistigkeit, die ein Affront ist, indem sie ganz andere Ziele kennt als die Frau und die Frau von vornherein als Episode einsetzt - mit dem bekannten Ergebnis freilich, dass die Episode schließlich sein ganzes Leben verschlingt."
Max Frisch, Nachträgliches zu "Don Juan"
****
 
 

Die chinesische Mauer
Eine Farce von Max Frisch, Fassung für Paris 1972
Stadttheater Ratingen
12.6.2014 19:30 Uhr
17.6.2014 19:30 Uhr
18.6.2014 19:30 Uhr

Eine Heutige
Hwang Ti, Kaiser von China
Mee Lan, seine Tochter
Wu Tsiang, ein chinesischer Prinz
Olan, eine chinesische Mutter
Der Stumme, ihr Sohn
Siu, eine Dienerin
Da Hing Yen I, II, II, Zeremonienmeister
Fu Tschu, ein Scharfrichter
Kellner
Journalist
Romeo
Julia
Napoleon Bonaparte
Columbus
Pontius Pilatus
Don Juan Tenorio
Brutus
Lincoln
Philipp von Spanien
Cleopatra
Emile Zola
Ein Herr im Frack
Ein Herr im Cut
Regie und Bühnenbild
Fotografie
Kostüme
Video
Ton
Maestra Suggeritore
Bühnenmeister
Beleuchtung
Birgit Olligs
Hans-Jürgen Neumann
Hanni Poguntke
Thomas Uhr
Inge Gellissen
Michael Schweiger
Johanna Becker
Reinhard Gellissen
Julia van der Burgt
Gabriela Dylus
Franz Schroers
Ansgar van Treeck
Annette Perschau
Hiltrud Köhne
Franz Schroers
Ansgar van Treeck
Herribert Börnichen
Michael Schweiger
Jens D. Billerbeck
Henning Hallmann
Melita Kaulertz
Jens D. Billerbeck
Gabriela Dylus
Franz Schroers
Jens D. Billerbeck
Ansgar van Treeck
Kerstin Freund
Tom Kubik
Guido H. Bruck
Kerstin Freund
Christian Dumjahn
Jonas Grimberg
Aufführungsrechte: Suhrkamp Verlag
Spieldauer ca. 2 ½ Stunden, Pause gegen 20:40


„Die chinesische Mauer“, Theater WIR 1978,
Bühnenbild: Jens D. Billerbeck
 


Bühnenbild 2014, Teilansicht, Foto: Ansgar van Treeck
Wir danken dem Hotel InterContinental, Düsseldorf


Fotos

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